„Die Idee kam aus Holland.“ – Interview mit Rudolf Schäfer, Studiendekan

Schon am Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere ging es Prof. Dr. Schäfer um den Transfer von Wissen zwischen Praxis und Wissenschaft. Mit dem Studiengang Real Estate Management hatte er vor 10 Jahren die Möglichkeit, mit seinen Erfahrungen ein neues Studienmodell zu entwickeln. Der Ansatz steht für eine Liaison zwischen Experten der Hochschule und der Praxis, beruhend auf einem integrativen und interdisziplinären Ansatz. Ob zu dem damaligen Zeitpunkt die richtige Entscheidung getroffen wurde, erfahren wir in diesem Gespräch mit dem engagierten Wissenschaftsmanager.


Der Studiengang titelt unter der Kurzbezeichnung REM. Wofür könnten die drei Buchstaben im übertragenen Sinne stehen? Oder wenn Sie den Studiengang mit 3 Begriffen erklären müssten, welche wären diese?


 Interdisziplinarität, Nachhaltigkeit, komplexe Projektbearbeitung. 
Sind Sie als Studiendekan Strippenzieher hinter den Kulissen?

Sehr gute Frage. Im übertragenen Sinne bin ich der Vertreter des ganzen Unternehmens nach außen und nach innen. Der Studiendekan pflegt in einer speziellen Verantwortung den Kontakt zu den Kollegen und Dozenten, um Kommunikation und Austausch zu initiieren oder um Impulse von außen aufzunehmen und sie für die Weiterentwicklungen des Studiengangs fruchtbar zu machen. Ich trete Gremien gegenüber, sei es im Fakultätsrat oder im akademischen Senat der TUB, oder repräsentiere bei öffentlichen Auftritten von REM.


Gibt es Probleme bei der Kooperation und Koordination der Hochschullehrer und Disziplinen?


Der Studiengang und das Kollegium sind modellhaft. Aus meiner langjährigen Zeit als Dekan kann ich sagen, dass es woanders selten einen Studiengang gibt, der sich so intensiv in Lehrkonferenzen sowie in Koordinatorenrunden trifft und sich bei der Abstimmung der Semesterprojekte so bemüht. Ein Gutteil des Profils von REM und der Erfolge, die wir bei unseren Studierenden haben, ist darauf zurückzuführen.


 Sie sprechen gerade Erfolge an. Wie verlief die Gründung dieses Studiengangs vor 10 Jahren? War es schwierig, zu dieser Zeit ein berufsbegleitendes Weiterbildungsangebot an einer Universität zu implementieren? 
Es war zumindest nicht einfach. Die Idee kam aus Holland. An der Universität Delft gab es zu der Zeit einen immobilienwirtschaftlichen Lehrstuhl zu besetzen, der ein Real-Estate-Economy-Programm anbot. Das hat mich sehr fasziniert und stimuliert. Ich hatte immer schon die Idee, aus meiner professionellen und disziplinären Herkunft heraus den Kern des Entwerfens und Konstruierens mit Themen wie z.B. dem Bereich der Projektentwicklung zu ergänzen. 
 Schwierig war es damals, weil weiterbildende Studiengänge noch nicht in der öffentlichen Diskussion auftauchten und das Studium aus Gebühren finanziert werden musste. Das war innenpolitisch in der Hochschule umstritten und nicht klar, ob das vom Markt her funktionieren würde.


Wenn Sie den Studiengang REM heute mit dem vor zehn Jahren vergleichen, was fällt Ihnen da auf?


 Die Anfänge waren für uns alle ein richtiges Experiment und Abenteuer, vor allem mit dem wichtigen Konzept der Semesterprojekte, zu dem es keinen vergleichbaren Ansatz gab. Mittlerweile haben wir eine positiv zu verstehende Routine entwickelt, ohne dabei zu erstarren. Wir haben uns weiterentwickelt – besonders in der Projektdimension. Im dritten Semester wird das Projekt einer Risikoanalyse unterzogen und den einzelnen studentischen Teams werden Rollen – Banker, Investoren, Nutzer usw. – zugewiesen. Im Moment fokussieren wir in einigen Modulen auf das Thema Klimawandel, um dem Label „Climate Change Kick“, das die TUB seit einiger Zeit im europäischen Verbund tragen darf, gerecht zu werden.


 Was ist Ihnen aus den letzten zehn Jahren als besonders positiv in Erinnerung geblieben? 


Außerordentlich positiv sind die Beziehungen, die wir zu den US-amerikanischen Kollegen aufbauen konnten. Das war ein ganz wichtiger Punkt, der auch der Atmosphäre des Studiengangs viel gegeben hat. Außerdem war und ist die sehr hohe Stabilität des Kollegiums bedeutend für die Entwicklung des Studiengangs.

Welches Alleinstellungsmerkmal hat REM sowohl in der Hochschullandschaft als auch in der immobilienwirtschaftlichen Berufsweiterbildung?


Wenn man REM mit ähnlichen Studiengängen, z.B. in Wuppertal oder an der European Business School vergleicht, erkennt man schnell, wir sind kein reiner immobilienwirtschaftlicher Studiengang. In unserem spezifischen Ansatz konzentrieren wir uns auf Qualitäten von baulich-räumlichen Projekten in der Entwicklung und im Management. Dieses interdisziplinäre und nachhaltigkeitsorientierte Vorgehen manifestiert sich besonders stark in der Projektarbeit. Intern nennen wir die Semesterprojekte bildhaft die „Backbones“ oder auch die Lackmustests dessen, was wir unter Nachhaltigkeit und Interdisziplinarität in den konventionelleren Vorlesungen und Veranstaltungen etc. zu vermitteln versuchen.

Heutzutage wird gern die SWOT-Analysen gebraucht, um Stärken und Schwächen darzustellen. Welche Stärken und Schwächen würden Sie in einem REM-Spannungsfeld anordnen?

Stärken sind: der gelungene interdisziplinäre Ansatz, die Möglichkeit über die Projekte und die Praxiskontakte, die hinter den Projekten stehen, einen klaren Realitätsbezug herzustellen, der Beitrag durch die Einbringung von Soft Skills, den wir hier leisten können.

Schwäche: Nach wie vor wäre es wünschenswert, wenn mehr Unternehmen und Branchen der Real Estate Industry die Notwendigkeit dieser Ausbildung erkennen würden, besonders in einer Situation, in der alle Branchen in Deutschland sich angesichts der demografischen Entwicklung bemühen müssen, qualifizierten Nachwuchs zu akquirieren. Dies wäre ein sehr guter Weg, junge Menschen stärker als bisher zu animieren und auch materiell zu unterstützen, einen solchen Studiengang aufzunehmen.


 Was zeichnet den prototypischen REM-Studierenden als Anfänger und als Absolventen aus?


 Es ist schwierig zu sagen, ob es den prototypischen gibt, weil viele verschiedene Disziplinen bei uns vertreten sind. Nach den Auswahlgesprächen in den letzten zehn Jahren kann ich etwas Durchgängiges konstatieren. Immer wenn wir über die Motivation der Bewerber sprechen, kommt eine ähnlich lautende Aussage. Zwar fühle man sich in seinem bisherigen Beruf zuhause, aber es fehle nach einigen Jahren in der eigenen beruflichen Praxis, aus verschiedenen Positionen heraus etwas. Was als Defizit artikuliert wird, ist genau die fehlende Fähigkeit: Wie kann ich mit anderen Disziplinen, die im Geschäft der Projektentwicklung, des Projektmanagements auftauchen, besser kommunizieren? Was muss ich dafür für Wissen erwerben? Welche weiteren persönlichen und fachlichen Fähigkeiten benötige ich? Mit dieser Motivation kommen die Studierenden zu 99 Prozent zu uns. Wenn ich dann mit Absolventen spreche, bin ich jedes Mal sehr positiv überrascht, wie viel sie an konzeptionellem Denken mitnehmen, insbesondere unsere Kernwerte: integrativer und komplexer Ansatz sowie Nachhaltigkeitsorientierung. Sie wissen damit in ihrer Praxis konkret und praktisch umzugehen.


 Einer der neuen Studiengänge in Ägypten hat einige konzeptionelle Elemente von REM übernommen. Ist REM ein Prototyp oder Erfolgsrezept für innovative Studienmodelle, insbesondere in der Weiterbildung und im praxisnahen Studium? 
So generell kann man das nicht sagen. Aber bestimmte Erfahrungen und Strukturen von REM können schon sinnvoll genutzt werden. Sowohl für El Gouna als auch für die EUREF waren die Erfahrungen und Strukturen von REM grundlegend. Das betrifft vorrangig die bedeutende Rolle der Projektarbeit. Diese neuen Studiengänge arbeiten viel konsequenter mit einem Ansatz der Projektorientierung, als das bisher in den Ingenieurwissenschaften der Fall war.

Die Studiengänge am EUREF-Campus arbeiten sehr stark mit den Kapazitäten der Universität. Bei REM sind natürlich viele Professoren mit den dazugehörigen Lehrstühlen engagiert, aber der REM Dozenten-Pool speist sich auch aus der Privatwirtschaft. Ist das ein Erfolgsmodell von REM? 
Ja, auf jeden Fall. Bei REM bedarf es Dozenten aus der privaten und kommunalen Szene, weil es in vielen Fällen notwendig ist, Erfahrungswissen als solches zu präsentieren, neben dem, was von Seiten der Hochschullehrer theoretischer und wissenschaftlicher angeboten wird. Diese Mischung muss sein, ohne sie wäre REM nicht praxisnah und integrativ.
 Frau Prof. Dr. Kristin Wellner wurde am Institut für Architektur als Professorin für Immobilienwirtschaft berufen. Dieser Lehrstuhl ergänzt den bisherigen Fachbereich Planungs- und Bauökonomie. Außerdem lehrt sie bei REM. Was sehen Sie für einen Mehrwert, den Frau Wellner mit ihrer Ansiedlung bei der Architektur mitbringt?


 Die Berufung von Prof. Dr. Wellner als Immobilienökonomin war von außerordentlicher Bedeutung für den Studiengang Real Estate Management. Die Immobilienökonomie war bei den Ökonomen nicht durchgängig eine hochgeschätzte Spezialdisziplin. Das hat sich in den letzten Jahren teilweise geändert. Der neue Lehrstuhl von Frau Wellner ist wichtig, weil wir einerseits erst jetzt dieses Feld an der TU besetzt haben, andererseits weil wir es in der Fakultät Planen, Bauen, Umwelt verankert haben. Diese Spezialökonomie kann vor diesem institutionellen Hintergrund unmittelbar mit den anderen Fächern kooperieren, die das räumlich-planerische und baulich-fachliche Geschehen bestimmen. Diese Synergiepotentiale gilt es zu nutzen. Jetzt haben wir eine eigene Kapazität. Das verbessert die Situation speziell für den Forschungsbereich, weil wir in ganz anderer Weise mit integrativen und komplexen Forschungsthemen antreten können, die auch immobilienwirtschaftliche Fragestellungen bearbeiten.
 Welche Perspektive sehen Sie für REM in den nächsten Jahren?
 Momentan wird das Curriculum von REM überarbeitet. Wir sollten unsere Modulinhalte und die Modulverknüpfungen noch stärker auf ingenieurwissenschaftliche Fragestellungen fokussieren, die sich mit dem Klimawandel befassen. Wir müssen den Spagat wagen und bestimmte Grundlagen aus den Ingenieur- und Planungswissenschaften verkürzen, um den Aspekten Adaptation und Mitigation von Klimawandelfolgen gerechter zu werden. Als Studiengang an der Technischen Universität Berlin müssen wir das Technikprofil in angemessener Form zum Ausdruck bringen, ohne die Aspekte der Ökonomie, des Projektmanagements, des Rechts usw. zu vernachlässigen.

Prof. Dr. RUDOLF SCHÄFER ist seit 2002 Studiendekan des Masterstudiengangs Real Estate Management der TU Berlin.

Darüberhinaus ist er Vorstandsmitglied von agenda4.

Seit 2011 ist er Gründungsdekan des TU-Campus in El Gouna/Ägypten.