Baukultur = Prozesskultur Ein Kultur- oder ein Ausbildungsthema?

Stadtführer/innen informieren als Botschafter über die gebaute Geschichte einer Stadt. Gebäude sind die Bühne der Nutzer von gestern und heute, sie dokumentieren in guten wie in schlechten Epochen die Lebensweise der Stadtgesellschaft. Baukultur(en) früherer Generationen werden sichtbar. Baukultur ist aber mehr als Baukunst (Architektur/Stadtplanung), sie beinhaltet sämtliche Elemente der gebauten Umwelt.

Nicht nur die Professionals allein, z.B. Grundstückseigentümer, Architekten, Ingenieure, Bauunternehmen. gestalten Baukultur, sondern alle Menschen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die die Verbesserung der Lebensqualität1 in den Mittelpunkt stellt. Um sie zu messen und zu skalieren sind Benchmarks entwickelt worden, u.a. Urban Index2 und Nachhaltigkeit3.

Ergebnisse der Baukultur repräsentieren Menschen, auch die der heute nicht mehr Lebenden. Die Beurteilung von alt und neu bei der Architektur hat der bekannte Architekturkritiker Vittorio Magnago Lampugnani treffend formuliert: Das Neue ist kein absoluter Wert, es definiert sich durch ein Altes, von dem es sich unterscheidet. Die Moderne, welche die Erneuerung auf ihre Fahnen geschrieben hat, ist ein ebenso relativer Wert. Was vor einem halben Jahrhundert modern war, ist heute oft antiquiert, umgekehrt ist das, was damals antiquiert war, heute nicht selten modern.

Seit mehreren Jahren bemüht sich der Rat für nachhaltige Entwicklung4, in Zusammenarbeit mit der Projektgruppe Dialoghaltige Stadt mit Oberbürgermeistern Benchmarks zu entwickeln, an denen sich Kommunen im Sinne von best practices orientieren können.

Die Bundesstiftung Baukultur, gegründet 2007, initiierte unter der Leitung des neuen Vorstandsvorsitzenden, Reiner Nagel, u.a. Dozent im agenda4-Studiengang REM an der TU Berlin und früher Führungskraft im Senat für Stadtentwicklung von Berlin, die Plattform Baukultur = Prozesskultur. Hier sollen zukünftig Gedanken und Lösungsansätze für interdisziplinäre Stadt- und Projektentwicklungen behandelt werden. Die Bundesstiftung sieht ihre Aufgabe in der Aktivierung und Kooperation mit vielfältigen Partnern. Dabei zielt sie auf integrierte und interdisziplinäre Aufgabenwahrnehmung von der Qualität der Planungsverfahren, der Landschaftsgestaltung und des öffentlichen Raums des Städtebaus bis zu Ingenieurbauwerken und Architektur.

Ergänzt werden diese Zielvorstellungen durch die Erweiterung der bisher üblichen formellen Beteiligungsverfahren durch informelle. Das heißt, für die Kommunen stellt sich die Frage nach einer sinnvollen Einbindung der Bürger bei die Zukunftsgestaltung der Stadt.

97 Prozent aller Kommunen - so eine Forsa-Umfrage aus dem Jahre 2011 - wollen diesen Weg zukünftig intensivieren. Der Paradigmenwechsel bei der Stadt-, Quartiers-, Standort- und Projektentwicklung hat sich bereits Anfang der 90er Jahre angekündigt und wurde verstärkt durch den internationalen Berliner Kongress Urban 21 (Berliner Erklärung 2000), in dessen Schlussresolution eine neue Projektorganisation gefordert wurde.

Diese vor über 10 Jahren von „oben“ formulierte Forderung konnte bisher, aufgrund mangelnder Aus- und Weiterbildungsangebote nicht umgesetzt werden, da eine interdisziplinäre, auf den Stakeholder ausgerichtete Aus- und Weiterbildung nicht bestand.. Diese Versäumnisse, d.h. die Einbeziehung der Vorstellungen des Bürgers, sind in den letzten Jahren besonders deutlich bei Projekten wie Stuttgart 21 geworden und werden zurzeit verstärkt durch die nicht befriedigenden Ergebnisse, die Ressourceneffizienz von Flächen, Luft, Energie, Wasser etc. von der Anbieterseite zu gestalten. Die Erkenntnisse aus dem bevorstehenden Klimawandel fordern innovative Lösungen, die in vielen Wirtschaftsbereichen bereits sichtbar werden, u.a. berichtet die FAZ vom 06.11.2013: BMW freut sich über 9.000 Vorbestellungen für das Elektroauto i3. Auch die mittelständische Industrie, Träger der technologischen Entwicklung in Deutschland, steht vor einem Quantensprung. Sie erwartet effizientere, schnellere und flexiblere Arbeitsabläufe. Industrie 4.0 ist angesagt.

Wie steht es nun um die Branchen, die Baukultur für sich reklamieren? Die neue vorgelegte Untersuchung Wirtschaftsfaktor Immobilien 2013 mit dem Untertitel Gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Immobilienwirtschaft definiert die Immobilienwirtschaft mit den Branchen Architektur und Ingenieurbüros, Bauwirtschaft, Immobilienfinanzierung und Kapitalanlagegesellschaften, Beteiligungsgesellschaften, Hausmeisterdienste, Gebäudereinigung und sonstige Dienstleister mit einem Umsatz von 452 Mrd. Euro und 2,8 Mio. sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Hinzuzurechnen zu diesen sind die Bauzulieferindustrie und die Tätigkeitsfelder des Bauhandwerks. Diese vielfältige Branchenstruktur ist darüber hinaus Gestalter und Verwalter eines Immobilienvermögens von 9,5 Billionen Euro, dem Rückrat des volkswirtschaftlichen Vermögens.

Vor diesem Hintergrund ist die Frage erlaubt, ob die derzeitigen Angebote der Aus-, Weiter- und Fortbildung ausreichen, um die Anforderungen, die sich aus der Gestaltung der Prozesse ergeben, bei denen der Stakeholder im Mittelpunkt steht, von Architekten, Bauingenieuren, Bauunternehmen, Kreditinstituten etc. und der öffentlichen Hand, unter dem Gesichtspunkt einer nachhaltigen Stadt, realisiert werden können.

Der Bologna-Prozess hat in den letzten Jahren die Hochschulen angeregt, u.a. ihre Curricula umzustrukturieren. Es wurden Bachelor- und Masterstudiengänge eingerichtet, die neben der wissenschaftlichen Ausbildung, auch in Weiter- und Fortbildung neue Gestaltungsmöglichkeiten in der dualen Ausbildung eröffnen, die auch dem Nachwuchs im Handwerk neue Möglichkeiten bieten. Die bereits erwähnte Berliner Konferenz 2000/Urban 21 war der Auslöser von agenda4 e.V., der das Ziel verfolgt, Aus-, Weiter- und Fortbildung, Wissenschaft und Forschung in den Disziplinen Architektur, Stadtplanung, Bauingenieurwesen, Soziologie, Volkswirtschaft und Ökologie zu fördern. Die agenda4-Mitglieder, d.h. Unternehmen und Hochschulen, organisieren ihre Ausbildung, die mit Master of Science abschließt, auf der Plattform von öffentlicher Verwaltung, Wirtschaft und Hochschule. Sie folgt den Kriterien Prozesssicherheit, systemisches Denken und Handeln, Interdisziplinarität und Weiterentwicklung der Schlüsselqualifikationen wie Führungs- und Medienkompetenz, Dialog- und Teamfähigkeit und Lösungsorientierung.

Ein wichtiger Baustein der Weiterbildung ist, dass der Nutzer von Heute, Morgen und evtl. Übermorgen eine bedeutende Rolle u.a. bei den Machbarkeitsstudien einnimmt. Die Prozesskultur, die auf die Stakeholder ausgerichtet ist, erfordert Führungsqualifikationen, die über Dialoge die emotionale Kompetenz fördert. Das Image eines Unternehmens, das durch interdisziplinäre Teams, die in der Gestaltung von Prozessen trainiert sind, trägt zur weiterentwickelten Baukultur bei, bei der gemeinsam an der Verbesserung der Lebensqualität trainiert wird. Für die Städte von morgen liegen uns eine Fülle von alternativen Visionen vor. Sie lassen sich wohl nur realisieren, wenn die Stadtgesellschaft sich auf eine Zusammenarbeit verständigt, bei der ressourceneffiziente Prozesse in den Mittelpunkt gestellt werden. Städte/ Quartiere werden möglich, die mehr sind als die Vorstellungen von Architekten bzw. Ökonomen, Ökologen und Soziologen sowie der Planungsdezernenten und der kommunalen Politiker.

Fazit:
Prozesskultur-Innovationen bei der nachhaltigen ressourceneffizienten Stadtentwicklung schaffen Grundlagen für die Verbesserung der Baukultur.
Baukultur wird wohl nur erreicht werden durch Investitionen in der Aus-, Weiter- und Fortbildung.

Definitionen:
1 Lebensqualität ist die subjektive Wahrnehmung einer Person über ihre Stellung im Leben in Relation zur Kultur und in Wertesystemen, in denen sie lebt und in Bezug auf ihre Ziele, Erwartungen, Standards und Anliegen.
Siehe auch Städteranking nach Lebensqualität und Indikator Lebensqualität der Bertelsmannstiftung.

2 Urban-Index:
Urban Governance Index beschreibt der UN Habitat Kriterien für eine bessere Urban Future.
Das Urban Index Institute ermittelt Stadtwerte.
3 Index Leipzig-Charta vom Mai 2007
4 Rat für Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeitspolitik soll eine wichtige Grundlage schaffen, um die Umwelt zu erhalten und die Lebensqualität im sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft und die wirtschaftliche Entwicklung enger in einer integrierten Art und Weise sowie in Deutschland als auch international voranzubringen. (www.nachhaltigkeitsrat.de)